Erich Bödeker hatte sein Leben eigentlich schon hinter sich, als alles auf einmal ganz anders wurde. 41 Jahre trieb er als Steinhauer im Ruhrpott die Gänge zur Kohle vor. Er war einer von den unzähligen, schwer arbeitenden Kumpel. Eines Tages erhielt er, wie viele andere, die erschütternde Diagnose: Staublunge, Berufskrankheit der Bergleute. Er war gerade 54 Jahre alt. Mit einem Schlag hatte er seinen vorgeschriebenen Lebensinhalt, sein gewohntes Regelsystem, verloren.
Hier, in den Wohnungen und Gärten, bei Festen und Ausflügen, entwickelte sich eine eigene Identität; die Unterdrückung, die Angst und das Elend konnten für Momente der Ruhe und Erholung vergessen werden. Geborgenheit, Freundschaft, Solidarität und Hoffnung traten an ihre Stelle. Geprägt durch eine Bergmannskultur, die Ausdruck einer hohen gesellschaftlichen Wertschätzung war, erhielt das Alltags- und Feiertagsleben im Ruhrgebiet eine eigene Bedeutung und Überhöhung.
Heinrich Jostmeier hielt dies in seinen Schwarzweißfotografien beeindruckend fest: der Tag der standesamtlichen Trauung, die Mutter bei der Hausarbeit, die geliebte Frau, die Kinder. Straßen, Gartenbilder, alte Transistorradios mit Aquarium und Häkeldecke. Jostmeier zeigt seine Mitmenschen ohne große Gesten, mit einer stillen Sympathie - und verleiht ihnen auf diese Weise eine ungeahnte Würde, die zeigt, dass die Alltäglichkeiten den Wert und die Schönheit des Lebens bilden.
Noch immer flimmert der Bildschirm in der Ausstellung. Erich Bödeker geht auf eine Figur zu, vorsichtig streicht er flüssigen Beton über unebene Stellen, zunächst mit dem kantigen Spachtel, dann mit dem Zeigefinger. Seine Hände sind verkrustet von getrocknetem Beton. Er führt einen Zigarettenstummel an die Lippen und bläst nachdenklich den Rauch aus. "Ich bin noch nicht reich geworden bei meinen Plastiken - und ich möchte auch nie reich werden. Das habe ich mir einmal vorgenommen."
Doch schon zu Lebzeiten erhielt er Kunstpreise, wurde herumgereicht, als Unikum bestaunt und bewundert. Auf einmal war es schick, sich einen echten Bödeker ins Wohnzimmer zu stellen. Er selbst, der Kumpel, der einfache Mann aus der Arbeiterklasse, verließ sich auf seinen Instinkt und war auf seine Weise allen überlegen. Wenn er seine Ausstellungen eröffnen musste, trat er ins Blitzlichtgewitter, schaute sich lachend um und sprach in seiner einfachen Sprache. Die wirkte eigentümlich fremd zwischen all den wissenschaftlichen Kunstexkursen - und wohltuend natürlich.
Erich Bödeker starb in seinem Garten, inmitten seiner Plastiken. So, wie er es sich immer gewünscht hatte.
With permission of Stefan Schwidder
Deutsches Allgemeines Sontagsblatt
Franz Klekawka ist einer jener obsessiven Geschichtenerzähler. Sein Drang, das ihn Umgebende festzuhalten, wird in doppelter Hinsicht augenfällig. Seine Bilder sind bis an den Rand mit kleinsten Details vollgestopft, als ob er Angst gehabt hätte, etwas zu vergessen, einen Teil der Geschichte nicht zu Ende erzählen zu können. Davon zeugen auch die Rückseiten seiner Bilder. Den gesamten ihm zur Verfügung stehenden Raum hat er genutzt, um das Gemalte noch einmal zusätzlich in der Sprache des Pütt darzustellen: "Der eine schreibt ein Tagebuch, und ich erzähle mit meinen Bildern."
Für die Autodidakten, die ohne Vorbilder oder Schulen malten, entstand ein neues Leben mit neuen Bedeutungsebenen. Karl Hertmann entdeckte im Schrebergarten, ähnlich wie Bödeker, seinen persönlichen Garten Eden. Nicht mehr der Rhythmus der Maschinen bestimmte nun sein Leben, sondern der Wechsel der Jahreszeiten.
Max Valerius bewegte sich durch seine Bilder in Traumwelten hinein. Die Darstellungen seines Stahlabstrichs erscheinen wie ein Vulkanausbruch, ein überwältigendes, alles verschlingendes Feuer. In diesen abstrakten Farbsymphonien, zugleich bedrohlich und Heil versprechend, wird die ganze innere Zerrissenheit deutlich, der diese Menschen ausgesetzt waren, als sie sich der Heimat künstlerisch näherten: Furcht und Faszination vor dieser ebenso gewaltigen wie gewalttätigen Industriekultur mischten sich untrennbar, und die Sehnsucht nach einer Aussöhnung des Menschen mit der Natur bahnte sich ihren Weg.
Auch Friedrich Gerlach macht in seinen Bildern Ängste und Alpträume durch eine surrealistische Überhöhung bewusst: Labyrinthe, die sich, Stollen ähnlich, in unermesslicher Tiefe verlieren, der nächtliche Schein der Hochöfen - unheimliche Erscheinungen, vor und in denen der Mensch klein und verloren dem Untergang geweiht zu sein scheint. "Nachtgesichte" nannte er diese albtraumhaften Visionen, die andere vielleicht verdrängt hätten; er jedoch ging einen anderen, bewussteren Weg: "Gewiss sind Traumbilder oftmals Angst erregend, doch sie können auch beglücken", sagte er dazu. "Sie sind das Negativ des wachen Erlebens." Es waren für ihn zugleich Bilder des Mutes, er stellte sich ihnen, sprach sie an und besiegte so ihre quälenden und lähmenden Kräfte.
So unterschiedlich wie die Stilrichtungen und die Motive ihrer Werke, so unterschiedlich waren die Kumpel in ihrer jeweiligen Persönlichkeit. Sie bildeten keine Künstlergruppe, schrieben kein Manifest, sondern schufen ihre Werke als Einzelgänger und Individualisten, deren Erinnerungen in jedem Bild anders sichtbar werden.
Eins jedoch verband sie: ein vielfältiges Geflecht an verlässlichen, lebensnotwendigen Bindungen. Das Ruhrgebiet war keine alles Menschliche verschlingende Metropolis, sondern brachte ein pulsierendes Gemeinschaftsleben in den kleinen Zechensiedlungen hervor, das der monströs wirkenden Industriemaschinerie entschlossen entgegenstand.
Das, was für andere das Ende ist, war für ihn jedoch ein neuer Anfang: Bödeker begann, kleine Figuren zu basteln. Anfangs hielten ihn seine Familie und seine Freunde für verrückt. Er stand morgens um fünf Uhr auf und arbeitete oft bis spät in die Nacht. Er baute seine Figuren aus Resten, Abfall, aus dem, was andere nicht mehr haben wollten: Kochtöpfe und Autoradkappen wurden zu Hüten, Nähmaschinentische und Kanonenöfen zu Sitzbänken. Die erste Skulptur war ein Gartenzwerg auf einer Konservendose. Der Körper aus Zement, eine rote Mütze, blauer Anzug, ein kleiner Holzstock in der Hand. 42 Zentimeter groß, 19 Kilogramm schwer.
Der Film zeigt, wie Schneeregen in den kleinen Hof seines Hauses fällt. Im dunklen Sand bilden sich matschige Pfützen. In groben Holzpantoffeln wandert er zwischen seinen bunten Figuren umher - in dieser grauen, kalten Welt wirken sie wie leuchtende Farbtupfer. Erich Bödeker hat hier in seinem Garten ein eigenes, ganz persönliches Paradies geschaffen, einen kleinen bunten Mikrokosmos: Bergarbeiter, Polizisten, Bischöfe, schwarze und weiße Frauen, Vögel, Blumen, Giraffen und Hunde, sogar Franz Beckenbauer wartet geduldig und steht neben Brigitte Bardot und Kurt Georg Kiesinger.
Elf Jahre waren ihm vergönnt, für seine Kunst zu leben. Heute, 19 Jahre nach seinem Tod, stellen Museen in aller Welt seine mehr als 1000 Figuren aus. Es sind inzwischen Wertanlagen in Beton. Auch die anderen Kumpel, die in den fünfziger und sechziger Jahren mit dem Malen anfingen, sind längst zu einem Bestandteil der zeitgenössischen Kunst geworden. Friedrich und Ludwig Gerlach, Franz Klekawka, Karl Hertmann, Franz Josef Grimmeisen oder Max Valerius: Alle waren sie Bergleute, die wegen der körperlichen Belastung zu Frührentnern wurden und in der Kunst einen Weg fanden, ihre Erlebnisse und Empfindungen zu verarbeiten und auszudrücken.
Sie alle verlebten ihre Kindheit in der Zechensiedlung - eine von der Industrie dieser Region gewaltsam, aber zielstrebig veränderte Landschaft. Ihre Spielplätze waren die verbotenen Halden, die Zechentümpel und Deponien. Von Anfang an entwickelten sie eine Hassliebe, die sie ein Leben lang begleiten sollte. Und wie Kinder glaubten sie selber an die Kraft der Bilder: Indem sie malten, befreiten sie sich von ihren Ängsten und drückten ihre Sehnsüchte aus, wie sie es mit Worten nicht besser hätten erreichen können. In ihren Werken erzählten sie Geschichten, die direkt aus der eigenen Seele ins Bild flossen und unverfälscht das unmittelbare Lebensgefühl wiedergaben.
Naive Kunst von Erich Bödeker:
die Kunstwerke ehemaliger Bergwerkskumpel
VON STEFAN SCHWIDDER

Ein hagerer, älterer Mann steht in einem Garten zwischen bunten Skulpturen. Seinen blauen Arbeitsanzug hat er bis oben hin zugeknöpft, auf der braunen Stoffmütze leuchten weiße Farbkleckse. Darunter bewegt sich das zerfurchte, unrasierte Gesicht - jedes Mal, wenn er lächelt, werden kleine Zahnlücken sichtbar.
Erich Bödeker stellt sich in einer liebenswürdigen, etwas unbeholfenen Art vor: "Ich bin mehr oder weniger ein Künstler. Naiver Künstler." Es klingt, als ob ihm jemand diesen Satz beigebracht hätte, und er ihn jetzt wie ein Schuljunge in einer Prüfung aufsagt.
Der ehemalige Grubenkumpel lebt längst nicht mehr. Seine Begrüßung ist Teil eines kurzen Films, der über einen kleinen Fernsehmonitor im zweiten Stock der Ludwig Galerie, Museum im Schloss Oberhausen, flimmert. Hier, im Herzen jener Region, in der die Bergwerksleute lebten, arbeiteten und nach ihrer Frühinvalidität zu Künstlern wurden, sind ihre Werke zum ersten Mal in einer gemeinsamen Ausstellung zu sehen. Es sind Bilder, Skulpturen und Fotografien, die geprägt sind von der Verbundenheit mit der Region, aber auch von Ängsten, Träumen und Sehnsüchten.

Erich Bodeker ISBN 3-89322-007-0